Leben mit Autismus: Über den Alltag, das Umfeld und integrative Ansätze

Ein Leben hinter einer Glasscheibe – mit diesem Bild wird oftmals versucht, die komplexe und zugleich so andersartige Welt von Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung zu fassen. Sie reagieren für uns andere Menschen oftmals befremdlich: kaum Blickkontakt, eingeschränkte Gestik und Mimik, Stereotypien und der Hang zur Gleichförmigkeit, manche sind auffallend laut, andere betont still. So wenig wir sie meist verstehen, so schwer ist es für sie, an unserem Alltag aktiv teilzuhaben. Doch was genau ist Autismus und wie können wir beide Welten zusammenbringen? Wie gelingt Integration?

Was ist Autismus?

Keine zwei Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung sind gleich. Die Formen des Autismus sind so vielfältig, dass man vom autistischen Spektrum spricht. Allen Menschen mit Autismus gemein ist eine Veränderung der Entwicklung des Gehirns, Informationen werden anders verarbeitet und verknüpft. Autismus wird daher als tiefgreifende Entwicklungsstörung eingestuft, zu deren Merkmalen folgende Auffälligkeiten zählen:

  • Beeinträchtigungen des sozialen Verständnisses (erschwerte Interaktion mit Mitmenschen, Probleme beim wechselseitigen Austausch und Umgang sowie generell beim Aufbau von Beziehungen etc.)
  • Störung der verbalen und nonverbalen Kommunikation (Auffälligkeiten im Sprechverhalten, fehlende Mimik und Gestik etc.)
  • Eingeschränkte Interessen sowie stereotype und repetitive Verhaltensweisen

Früher unterschied man zwischen drei Formen von Autismus: frühkindlicher, atypischer Autismus und Asperger-Syndrom. Das ICD 11 (Internationale Statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme), erschienen 2018, löst diese Untergliederung auf und führt die Bezeichnung Autismus-Spektrum-Störung (ASS) ein. Damit trägt man dem Umstand Rechnung, dass eine klare Abgrenzung von Subtypen nicht möglich ist und man es vielmehr mit fließenden Übergängen zwischen leichten und starken Autismus-Varianten zu tun hat.

Integration durch verbesserte Aufklärung

Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung sind anders – aber Autismus ist keine Krankheit, die man heilen kann. Es ist vielmehr eine besondere Art und Weise, unsere Welt wahrzunehmen. Ein erster Schritt in Richtung verbesserter Integration bedingt daher eine umfassende Aufklärung über dieses Anderssein. Denn selten ist Autismus nicht. Etwa 1 Prozent der Weltbevölkerung ist dem Autismus-Spektrum zuzuordnen. Die Ursachen sind nicht vollends geklärt, jedoch spielen genetische Faktoren – so weiß man heute – eine entscheidende Rolle. Psychosoziale Faktoren kommen allenfalls bei der Ausgestaltung zum Tragen und sind nicht der Auslöser. Die sich lange hartnäckig haltenden Begründungen oder vielmehr Vorurteile, Autismus entstünde durch Vernachlässigung, Traumata oder Missbrauch, konnten widerlegt werden.

Aufgrund einer veränderten Wahrnehmung ihrer Welt kommt es im Umgang mit Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung häufig zu missverständlichen Situationen im Alltag. Entgegen landläufiger Meinung hängt dies aber nicht mit einer aggressiven Grundhaltung oder einem Desinteresse sozialen Kontakten gegenüber zusammen, sondern oftmals mit Überforderung. Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung nehmen Sinneseindrücke ungefiltert wahr, was zu einem Overload führen kann. Auch Empathie ist ihnen möglich, nur können sie diese nicht so zeigen wie neurotypische Menschen. Unsere Vorstellung ist oft – medienbedingt z.B. durch Darstellungen in Filmen – stereotyp. Wir schätzen sie als sozial inkompetent, aber hochintelligent ein. Die Realität lehrt uns etwas Anderes: Weder sind Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung immer hochbegabt, noch automatisch geistig behindert. Viele meistern ihr Leben eigenständig, führen intakte Partnerschaften, andere werden ihr Leben lang auf Hilfe angewiesen sein. Sich diese Bandbreite des Autismus-Spektrums immer wieder vor Augen zu führen hilft, Berührungsängste abzubauen und die Integration im Alltag aktiv zu leben.

Integrative Ansätze

Will Integration in Schule, Beruf und Alltag gelingen, braucht es Aufklärung, damit Erzieher, Kollegen und Mitmenschen adäquat reagieren können. Weit gestreut und bekannt wurde in Bezug auf die allgemeine Aufklärung ein Video der britischen National Autistic Society, in der sie für uns neurotypische Menschen die Wahrnehmung eines Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung zu vermitteln sucht. Binnen weniger Tage schauten mehr als sechs Millionen Menschen das Video.

Die Schule ist wohl der Bereich, der sich in den letzten Jahren am stärksten auf Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung eingestellt und viele Strategien entwickelt hat, um Lehrkräfte und Schulbegleiter in ihrer Arbeit zu unterstützen. Ihr Hauptaugenmerk liegt auf der Entwicklung und Verbesserung der sprachlichen, kommunikativen und sozialen Fähigkeiten von Kindern im Autismus-Spektrum. Dazu zählt etwa die Bereitstellung visuelle Hilfsmittel wie ein gezeichneter Stundenplan, Comics, die abstrakte Elemente der unterschiedlichen Kommunikationsebenen bildlich darstellen und damit verständlicher machen können, oder sogenannte Social Stories, die individuell auf das Kind zugeschnitten sind und ihm Situationen näherbringen, in denen es sich unsicher fühlt (zum Beispiel Bus fahren). Auch Rollen- und Theaterspiele eignen sich dazu, bestimmte Kommunikationsrituale (etwa das Begrüßen) zu trainieren und das wechselseitige Sprechen, die Interaktion, einzuüben. Als positiv erwiesen hat sich auch der „Circle of Friends“ – gewissermaßen eine Unterstützergruppe in der Klasse, die die Lehrkraft zusammenstellt, damit sich diese verstärkt um das Kind mit einer Autismus-Spektrum-Störung kümmert. Ziel ist die Verbesserung sozialer Beziehungen und der Kontakt zu Gleichaltrigen.

Kinder mit einer eingeschränkten Sprache können zum Beispiel mit  PECS (Picture Communication Exchange System) eine bessere Kommunikation mit der Außenwelt erlangen. Auch die Eltern können durch verschiedene Elterntrainings, wie z.B. das Frankfurter Autismus-Elterntraining“ (FAUT-E) ihre Kinder und deren Besonderheiten besser verstehen lernen und so auch besser mit ihnen kommunizieren.

Wichtig ist aber neben optimierten Hilfsprogrammen vor allem auch die Option des Rückzugs. Kinder mit Autismus-Spektrum Störungen sind vom Schultrubel schneller überfordert und überreizt, die Reaktionen darauf fallen unterschiedlich aus. Eine Rückzugsmöglichkeit bietet hier Abhilfe und die notwendige Pause, um neue Energie zu sammeln.

Dieser kurze Überblick zeigt, dass unsere Gesellschaft schon deutlich besser versteht, worauf es im Umgang mit Menschen im Autismus-Spektrum ankommt. Geben wir ihnen den notwendigen Raum und Chancen zur Entfaltung, wird ihre Integration in Zukunft noch besser gelingen.

Redaktionsteam SOMNIA