Leistungsdruck & Medikamentenmissbrauch bei Studenten

Die Bücher stapeln sich, die Zeit zur nächsten wichtigen Prüfung wird denkbar knapp. Will man den jetzigen Notendurchschnitt halten, muss die anstehende Klausur gut verlaufen. Alles andere wäre ein herber Rückschlag, würde einen zurückwerfen im mühsamen Erringen von Bestnoten, im Erreichen des erforderlichen Numerus clausus, der wenigstens die Chance auf den ersehnten Studienplatz gewährt. Ein Studienplatz an der Wunsch-Uni, wo der Leistungsdruck dann zwar an verändertem Ort, aber nicht minder intensiv zu spüren sein wird.

Seit der Einführung des Bachelor-Master-Systems und des verkürzten Abiturs haben Studenten vor allem eines: keine Zeit. Leistungsdruck und hohe Erwartungen von außen verlangen ihnen in Rekordzeit Bestleistungen ab. Dem können längst nicht mehr alle Stand halten: Immer mehr junge Erwachsene greifen daher zu Medikamenten zur Beruhigung und Leistungssteigerung.

Leistungsdruck als Symptom unserer leistungsorientierten Gesellschaft

Schon in der Grundschule beginnt, gewissermaßen von der ersten Schulstunde an, die Leistungsspirale aus Klassenarbeiten, Noten und Perfektionismus. Im Vordergrund steht an vielen staatlichen Schulen das Erreichen von Höchstleistungen mit dem Ziel, ein Empfehlungsschreiben für das Gymnasium zu erlangen. Leistung, das wird schon den ganz Kleinen vermittelt, ist eine entscheidende Größe zum Bestehen in unserer Gesellschaft. Den Erwartungen ihres (familiären) Umfelds wollen auch sie schon frühzeitig unbedingt gerecht werden. Es verwundert daher nicht, dass nach einer Studie des Deutschen Kinderschutzbundes und des Prosoz-Instituts für Sozialforschung sich bereits jeder zweite Schüler der zweiten und dritten Klasse gestresst fühlt. Und die Tendenz ist steigend.

Was an der Grundschule vermeintlich noch harmlos beginnt, potenziert sich spätestens an den weiterführenden Schulen und hier insbesondere am Gymnasium. Das Abitur gilt heute mehr denn je als Voraussetzung für eine erfolgreiche berufliche Laufbahn. Klassische Ausbildungsberufe geraten zunehmend in den Hintergrund, das Studium wird bereits für Schüler der Mittelstufe zum hehren Ziel. Wem es gelingt, diese nächste Stufe zu erklimmen, der wird in der Folge meist einem noch stärker fordernden Leistungsapparat untergeordnet. So konnte die Techniker Krankenkasse in einer Studie im Jahr 2010 belegen, dass Studenten heute immer häufiger zu Medikamenten, wie beispielsweise Antidepressiva, greifen, um sich der Studiensituation gewachsen zu fühlen. Der mit all diesen Etappen einhergehende hohe Leistungsdruck kann dazu führen, dass die eigene Leistung nur noch im Maßstab zu anderen gemessen wird, was wiederum zu einer verzerrten Selbstwahrnehmung der Betroffenen führen kann.

Chemiecocktails zur Beruhigung und Leistungssteigerung

Wird der Druck zu hoch, versuchen Studenten, diesem mit Medikamenten entgegenzusteuern oder ihre Leistung bewusst mit chemischen Substanzen zu steigern (dann spricht man vom sogenannten Hirndoping). Psychologen und Ärzte unterscheiden zwischen zwei verschiedenen Bereichen: zum einen Substanzen zur Leistungsverbesserung, die frei erhältlich sind. Dazu zählen etwa Koffeintabletten, Kaffee sowie andere Wachmacher. Daneben gibt es die verschreibungspflichtigen Substanzen wie beispielsweise Ritalin Modafinil, Antidepressiva oder aber auch Amphetamine vom Schwarzmarkt, die Wachheit und Konzentration steigern sollen. Nicht selten entsteht ein Teufelskreislauf aus aufputschenden Substanzen, auf die Schlafstörungen folgen, die wiederum mit Tabletten zur Beruhigung bekämpft werden. Neben der Abhängigkeit sind außerdem Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Schwindel, Herzrhythmusstörungen oder sogar Psychosen möglich. Auch ist die Wirksamkeit rezeptpflichtiger Medikamente bei völlig gesunden Menschen noch nicht ausreichend erforscht. Fest steht jedenfalls: Die Wirksamkeit der Medikamente steht in keinem Verhältnis zu ihren Nebenwirkungen.

Die Institution Arbeitsschutz und Gesundheitsmanagement an Schulen und Institutionen des Niedersächsischen Kultusministeriums definiert folgende Anzeichen eines Medikamentenmissbrauchs und einer Medikamentenabhängigkeit:

  • Überkorrektes und sich selbst überforderndes Verhalten
  • Schwankende Gefühlslage
  • Apathischer und leicht ausdrucksloser Blick
  • Langsames Denken
  • Mühsamer Gesprächskontakt
  • Vergessen von wichtigen Informationen, häufiges Wiederholen derselben Gedanken
  • Ängstlichkeit vor eigentlich normalen, belanglosen Problemen

Behandlungs- & Unterstützungsmöglichkeiten von Medikamentenmissbrauch infolge von Leistungsdruck

Damit es erst gar nicht so weit kommt, sollten Eltern und Freunde auf Frühwarnzeichen achten. Übermäßiger Lernstress geht oft mit typischen Symptomen wie Konzentrationsschwierigkeiten, Bauchschmerzen oder Schlafstörungen einher. Wenn Sie den Eindruck haben, dass Ihr Familienangehöriger, Ihr Kommilitone oder Ihr Freund unter erhöhtem Leistungsdruck leidet, können die folgenden Tipps ein erster hilfreicher Ansatz sein:

  • Mehr Freizeit: Wir alle brauchen freie Zeit nur für uns, unsere Ideen und Fantasien, für Bewegung und andere Dinge, die uns ausnahmslos Spaß machen. Ob Kino, Sport oder einfach Freunde treffen: Gut ist, was guttut.
  • Entspannungstechniken: Wir müssen lernen, die Dinge loszulassen, die uns belasten. Yoga, autogenes Training oder Meditation helfen dem Geist, wieder zu seiner Mitte zu finden. Auch Malen, Basteln, Musik hören etc. dienen der Entspannung.
  • Neue Lernumgebung und -methoden ausprobieren: Manchmal muss man buchstäblich die Perspektive wechseln, um wieder klarer sehen zu können. Vielen hilft eine veränderte Lernumgebung, um die (Lern-)Aufgaben wieder entspannter angehen zu können. Auch neue Methoden können dabei zuträglich sein, den Lernstoff zu bewältigen, und folglich die Nervosität lindern.
  • Gespräche mit Lehrern, Tutoren, Professoren oder anderen Betroffenen: Auch ein Gespräch mit Lehrern etc. kann die Situation verbessern. Vielleicht leiden andere genauso unter dem Leistungsdruck und es muss eine grundsätzliche Lösung für alle gefunden werden.

Hegen Sie jedoch den Verdacht, dass Ihr Familienangehöriger oder Ihr Freund bereits Medikamente zur Leistungssteigerung und Beruhigung zu sich nimmt, ist ein erstes offenes Gespräch unumgänglich. Sind ein Missbrauch bzw. eine Abhängigkeit nicht mehr von der Hand zu weisen, sollten Sie externe Hilfe aufsuchen. Ihr Hausarzt oder andere Beratungsstellen sind Ihnen bei der Lösungsfindung behilflich. Auch das Team der SOMNIA Privatkliniken bietet professionelle Hilfe bei der Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen an.

Redaktionsteam SOMNIA